Junge Katholik:innen wollen in einer neuen Kampagne mit der „Vorstellungen vom alten, weißen, strafenden Mann aufräumen und Platz schaffen für eine Gottes*vielfalt. Denn Gott* ist in allen Lebewesen.“ Ein solcher Schritt hin zur Diversität ist ja schon grundsätzlich zu begrüßen. Die Frage, die sich unserem Sachverständigenrat dabei allerdings stellt, ist, ob der (vielfältige, aber dann doch offenkundig katholische) Gott auch in einer seiner kompliziertesten Schöpfungen steckt, dem Internettroll*? Denn diese Schöpfung dürfte es sein, die mit der Kampagne dann wohl die größte Freude haben dürfte.
Sollte man sich freuen wenn die APPD Deutschland ( Anarchistische Pogo Partei ) jetzt auch eine Ortsgruppe hier in Augsburg ins Leben ruft ? Wie man ja weiß belebt Konkurrenz das Polit Geschäft . Soweit so gut.Ob weitere Fragmentierung tatsächlich in der Linken Szene hier in Augsburg was vorwärts bringt bleibt abzusehen.
Immerhin deren Wahlspruch – Kriminell und Arbeitsscheu und die Ablehnung von Parteien des reaktionären Spektrums bis hin zu den Sozialfaschist-ischen Gruppierungen ( Grüne,Linke,Spd ) lässt hoffen.Befremdlich nur deren Versuch in der “ ganzen Bäckerei “ Unterschlupf zu finden.Sicherlich die Getränke Auswahl eignet sich hervorragend um Teile des Programms konsequent umsetzen zu können ( Saufen ).Mit dem Rest wird es vermutlich dann eher hapern.Bereits der Versuch eine Gründungsveranstaltung in den Räumen der “ ganzen Bäckerei “ durchzuführen scheiterte am Sicherheitsdenken des aktuellen neuen Regimes .
Wir werden das ganze wohlwollend begleiten und hoffen das es nicht nur bei der Theorie bleibt.Mal wieder ein öffentliches Fick-In oder einen Kiff – Splash für den Frieden der Welt warum nicht ?
Gerne verbreiten wir hier ein Interviews der AJA zum Konflikt um dem Rauswurf aus der “ ganzen Bäckerei “ Augsburg.Im Rahmen der Säuberungen durch den Putsch der oft als Antideutschen bezeichneten Fraktion in der ganzen Bäckerei wurde auch gleich Die RH – Augsburg gekickt.Ab Oktober setzt diese voraussichtlich ihre Beratungs und Unterstützungsarbeit im Hans Beimler Zentrum fort.
Interview mit der Antifaschistischen Jugend Augsburg über Angriffe von sogenannten Antideutschen, den Rechtsruck und den Widerstand dagegen.
Revo: Hey AJA, schön, dass ihr Zeit gefunden habt, uns von den Vorfällen in eurer Stadt zu berichten. Vielleicht könnt ihr euch zuerst einmal vorstellen und verraten, wer ihr seid?
AJA: Wir sind eine antifaschistische Jugendgruppe aus Augsburg. Neben dem Kampf gegen Rechts führen wir auch antiimperialistische, antikapitalistische, feministische, internationalistische und antimilitaristische Kämpfe. Wir haben uns vor fast 2 Jahren zu einer Gruppe zusammengeschlossen.
Revo: Und was ist nun genau vorgefallen?
AJA: Es gab schon länger kleine Anfeindungen und Konflikte aufgrund von, zum Beispiel Schmierereien auf der Toilette von Szenekneipen. Irgendwann fing es an, dass uns ein Transpi während eines unserer Kurdistan-Vorträge geklaut wurde, andere „linke“ Gruppen Bilder in ihrer Insta-Story posteten auf welchen sie unsere Sticker überklebten, u.s.w… Den entscheidenden Auslöser den Konflikt offensiv auszutragen sahen die Antideutschen dann in unserem Posting zur Nakba vom 15.5., mit dem wir der Vertreibung von mehreren Hunderttausend Palästinenser_Innen gedachten. Bei dem zugehörigen Text wandten die Antideutschen den sogenannten „3D-Test“ an, der angeblich belegen soll, dass es sich um Antisemitismus handle. Dieser Test beruht jedoch auf keiner wissenschaftlichen Grundlage und wurde von einem rechten israelischen Minister erfunden. In dem Schreiben wurde dazu aufgefordert „nicht mehr mit uns Antisemit_Innen zu kooperieren“. An der Stelle kritisieren wir den bei Antideutschen typischen inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs. Das lenkt davon ab, echten Antisemitismus zu bekämpfen. Ein paar Wochen nach diesem Schreiben des JuFo schickte uns die örtliche F*antifa ein Vorwurfspapier auf dessen Grundlage wir wenig später aus unserem Treffpunkt, dem einzigen Szeneladen in Augsburg „Die Ganze Bäckerei“, ausgeschlossen wurden. Hierfür besuchten die Antideutschen das sonst eher mau besuchte Orgaplenum mit 12 Leuten und drückten eine Abstimmung durch (normalerweise wird dort mit Konsensprinzip entschieden). Die Vorwürfe gegen uns waren angeblich Sexismus, Antisemitismus, autoritär, mackerhaft und Gulagdrohungen. Wir sind gerade noch dabei zu differenzieren, welche der Vorkommnisse, die den Vorwürfen zugeordnet werden, aus der Luft gegriffen sind und mit welchen wir uns selbstkritisch befassen müssen.
Revo: Welche Gruppen und Organisationen verbergen sich hinter den Anfeindungen?
AJA: Vor allem der lokale Ableger der Linksjugend Solid, welcher von antideutschen Student_Innen geführt wird. Das Schreiben in dem dieser 3D-Test angewandt wurde war von der Hochschulgruppe des Jungen Forum der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft“ initiiert. Es wurde unter anderem von den Parteijugenden von SPD, Grüne und Linkspartei unterzeichnet. Im Laufe der Zeit gründete sich eine weitere antideutsche Gruppe, die allerdings weniger von Relevanz ist. Zeitgleich gründete sich eine geschlossene F*antifagruppe, welche die treibende Kraft hinter unserem Ausschluss aus dem Szeneladen „Die Ganze Bäckerei“ ist. Insgesamt bestehen zwischen den einzelnen Gruppen teilweise große personelle Überschneidungen.
Revo: Und sind diese Anfeindungen und Kommentare etwas Neues für euch?
AJA: Wie bereits erwähnt gibt es schon länger kleinere Konflikte. Das war nicht immer so. Bei unserer Gründung wurden wir von allen Seiten aus dem linken Spektrum unterstützt und wir wurden natürlich auch dadurch beeinflusst. Die ersten ernst zu nehmenden Anfeindungen kamen dann auf, als wir uns positiv auf den palästinensischen Befreiungskampf bezogen. Bereits früh scheute sich vor allem die Solid nicht, uns öffentlich über ihre Insta-Seite zu diffamieren. Gerade in Augsburg, wo alle sich einig sind, dass linkspolitisch nichts Nennenswertes vorangeht, ist es für uns sehr fraglich, warum sich dann auch noch darauf konzentriert wird uns als aufstrebende linke Jugendgruppe das Leben schwer zu machen, während Identitäre, AFD, Dritter Weg und Co. sich hier pudelwohl fühlen.
Revo: Wie seid ihr damit umgegangen?
AJA: Wir müssen uns natürlich eingestehen, dass jegliche Provokationen immer auf Gegenseitigkeit beruhen. Wir sind keine sündenfreien Heiligen, sondern auch nur Menschen. Allerdings sind wir vor allem, wenn es um öffentliche Anfeindungen oder Versuche sich über uns lustig zu machen ging, nie darauf eingegangen und haben uns nie öffentlich gerächt oder so. Dort, wo wir es für sinnvoll erachten, suchen wir das persönliche Gespräch, ansonsten konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit und ignorieren die meist dämlichen Facebook oder Instagram-Posts. Die Vorwürfe, aufgrund derer wir aus der Bäckerei geflogen sind, werden bei uns versucht zu klären und wir reflektieren gemeinsam über mögliches Fehlverhalten, allerdings lassen wir uns auch nicht isolieren oder uns von unseren inhaltlichen Kernpunkten abbringen.
Revo: In unseren Augen sollten wir das Erstarken der Antideutschen nicht getrennt vom Aufkommen eines internationalen Rechtsrucks betrachten. Dieser spielt sich nämlich nicht nur in der AfD und der CDU ab, sondern hat weite Teile der Gesellschaft erfasst und wirkt auch in reformistische Parteien wie die SPD und die Linke. Diese passen sich in ihrer Angst vor Wähler_Innenverlusten immer weiter nach rechts an und verlieren (Überraschung) noch mehr Wähler_Innen. Kein Wunder, dass deren Jugendorganisationen an den Angriffen gegen euch beteiligt waren. Anstatt sich klar zu Klassenkampf, Antirassismus und Antikapitalismus zu bekennen, rücken auch Teile der radikalen Linken dichter an die Positionen der Regierung heran und üben den nationalen Schulterschluss. Antimuslimischer Rassismus, Hass gegen internationalistische Linke und die Unterstützung der deutschen Außenpolitik wurden im Zuge des Rechtsrucks zu neuen Kampffeldern vermeindlicher „Linker“. Wie seht ihr das?
AJA: Wir würden da grundsätzlich erstmal eine Trennlinie ziehen. Kapitalismus, Faschismus und der Staat sind Dinge, die tagtäglich gefährliche Auswirkungen auf Milliarden von Menschen haben und sind dadurch Feinde der Menschen und sind deswegen auch Feinde der linken Bewegung. Das Phänomen der Antideutschen mit seiner unlogischen Ideologie spielt sich erstmal nur in einer Blase ab und hat selten realpolitische Auswirkungen. Insofern könnte man sie einfach ignorieren, allerdings sind sie (leider) oft erfolgreich darin progressive linke Kräfte zu stören, anzufeinden und deren Ruf zu schädigen. So führten sehr ähnliche Umstände zuletzt dazu, dass sich die Offene Antifaschistische Jugendgruppe (OAJ) aus Chemnitz auflösen musste, da die Auseinandersetzung mit solchen Vorwürfen, kombiniert mit kontinuierlicher sinnvoller politischer Arbeit und staatlicher Repression, große psychische Belastungen sein können. Dadurch, dass die Antideutschen uns zu Feind_Innen erklären und gleichzeitig unsere politische Arbeit versuchen zu behindern, machen sie sich auch zu Feind_Innen von uns. Wir sehen den richtigen Umgang darin, innerhalb der linken Bewegung umfassend über dieses Phänomen aufzuklären und vor den Gefahren dieser Ideologie und ihrer spaltenden, sabotierenden und menschenverachtenden Eigenschaft zu warnen. Antideutsche sind keine Linken.
Revo: Wir sind uns einig, dass Antideutsche nichts mit Linken zu haben. Als ehemalige Szenepublizist_Innen sind viele Antideutsche nun im Springer-Verlag, im Bundestag oder als Extremismusexpert_Innen beschäftigt. Keine Überraschung, denn historisch decken sich große Teile ihrer außenpolitischen Positionen mit denen des deutschen Kapitals (Unterstützung des Irakkriegs, Unterstützung des Kosovokriegs, Unterstützung des Afghanistankriegs, bedingungslose Solidarität mit Israel, restriktive Migrationspolitik und der Kampf gegen BDS). Häufig sind sie dort anzutreffen, wo es nur eine schwach organisierte Arbeiter_Innenklasse gibt: Also zum Beispiel im Osten Deutschlands und in Unistädten. Gerade die aktuelle Krise zeigt jedoch, dass die Antideutschen keinerlei Perspektive bieten können, wie wir Wirtschaftskrise, Pandemie und Klimawandel stoppen können. Mit Merkava-Memes und Technopartys wird das leider nichts. Stattdessen müssen wir eine internationale Anti-Krisen-Bewegung aufbauen und eine klassenkämpferische Antwort auf die kommende Krise geben. Das ist die beste Waffe, die wir gegen die Antideutschen und die Angriffe des Kapitals haben. Wie sieht eure zukünftige Arbeit aus?
AJA: Das Schreiben, in dem Gruppen erklären nicht mehr mit uns zu kooperieren, wurde abgesehen von der antideutschen Gruppe, von Jugendorganisationen der Grünen, SPD und der Linken unterzeichnet. Mit den genannten Gruppen hatten wir nie relevante Zusammenarbeit, weswegen wir nicht allzu stark betroffen sind. Doch diese Gruppen sind nicht ehrlich. Wir sind Mitveranstalter des Klimacamps, was seit nunmehr als vier Wochen läuft. Da ist es für die Grüne Jugend z.B. kein Hindernis, doch mit uns zu kooperieren. Wir achten gezielt darauf weiter sinnvolle politische Arbeit zu betreiben und dem Konflikt nicht mehr Raum zu geben, als er verdient. Der Austausch über so etwas wie Vorwurfspapiere nimmt jedoch schon einiges an Zeit in unseren Plena in Anspruch. Für einige Aktivist_Innen entsteht leider auch eine psychische Belastung, wenn so etwas wie Antisemitismusvorwürfe oder das Thema sexuelle Gewalt auf ein lächerliches Niveau verzerrt werden. Das ist einfach nur respektlos gegenüber denen, die tatsächlich solche Erfahrungen erleiden müssen.
Revo: Worin seht ihr die Ursache, dass solche Angriffe sich aktuell häufen?
AJA: Wo gehobelt wird da fallen Späne. Die kontinuierliche Arbeit antiimperialistischer Gruppen in den letzten Jahren zahlt sich aus und die vermehrten Angriffe seitens der Antideutschen sind eine Reaktion darauf. Wir passen nicht in ihr ideologisch verhärtetes, verwirrtes Weltbild und ecken bei ihnen an, sobald wir progressive Arbeit in den Massen machen und versuchen Politik über die linke Szene hinaus zu machen. Indem die Antideutschen sehr viel Zeit darin investieren, zu versuchen linke Gruppen zu behindern, zeigen sie, dass ihr Feind nicht der Kapitalismus und die Kapitalist_Innenklasse ist, sondern dass sie sich oftmals wenig von dieser Unterscheiden. Die antiimperialistische Bewegung versucht das Problem wieder bei der Wurzel zu packen und nimmt klassenkämpferische und revolutionäre Standpunkte ein. Das passt nicht in die Ideologie, welche die arbeiter_Innenfernen Antideutschen sich an ihrer Universität zusammenbasteln.
Revo: Was denkt ihr, wie sich die internationalistische Linke kollektiv dagegen verteidigen kann?
AJA: Unsere Aufgabe als antiimperialistische Linke ist es einheitlich und standhaft zu bleiben und uns nicht von unserem Weg abbringen zu lassen. Wir müssen weiterhin das oberste Ziel vor Augen behalten, uns gemeinsam mit den Massen von Imperialismus, Faschismus und Ausbeutung zu befreien. Ein wichtiges Werkzeug ist dabei wie immer die Solidarität. Sie ist nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Waffe. An dieser Stelle möchten wir uns herzlichst bei Allen bedanken, die sich solidarisch mit uns zeigten. Besonders hervorzuheben sind dabei die Genoss_Innen von der Bonner Jugendbewegung, die ein mehrseitiges Solidaritätsschreiben verfassten, welches an die 20 Gruppen aus ganz Deutschland unterzeichneten. Zusätzlich bedanken wir uns für die Solidarität aus Ingolstadt, München, der Schweiz oder von der KO. Es ist unglaublich bestärkend und wichtig für uns zu sehen, dass wir nicht alleine dastehen, sondern dass es unheimlich viele Menschen gibt, die für das gleiche kämpfen und die gleichen Probleme kennen. Solidarität und Zusammenhalt sind der erste Schritt gegen die Angriffe der Antideutschen. Darüber hinaus sehen wir es als sehr wichtig an, weiter kontinuierlich zu arbeiten und gleichzeitig die antideutsche Ideologie zu entlarven. Nebenbei sollte man nie das Gefühl dafür verlieren mit Kritik umzugehen. Unter dem Schwall an hauptsächlich unbegründeter Kritik vergisst man oft auch schnell einzuschätzen an welcher Stelle die Kritik an der eigenen Arbeit vielleicht doch durchaus angebracht wäre. Das heißt nicht, dass die Antideutschen uns etwas zu sagen haben, denn unser Ziel ist es nicht Politik zu machen um Antideutsche zu befriedigen, sondern das, was wir für richtig halten: Politik für die Menschen auf der Straße, die tagtäglich unter dem Kapitalismus leiden. Aber wir müssen einfach auch grundsätzlich darauf achten einen korrekten Umgang mit Kritik beizubehalten, da wir uns als antiimperialistische Bewegung stets weiterentwickeln und Theorie und Praxis verfeinern müssen. Hierbei lässt sich vielleicht ein kleiner Vorteil von diesen Angriffen ausmachen: Sie sind so etwas wie eine erste kleine Zerreißprobe aus der man mit dem richtigen Umgang gefestigter, einheitlicher und stärker hervorgehen kann. Auf unserem Weg zur befreiten Gesellschaft werden uns noch viele Leute Steine in den Weg legen – in der eigenen Szene fängt es an.
Revo: Vielen Dank AJA. Wir wünschen euch viel Erfolg dabei! Vielleicht bieten kommende Mobilisierungen wie in Hanau am 22.8. oder Ende Gelände im September eine Möglichkeit, das in der Praxis gemeinsam auszuprobieren.
Jemand meinte einmal, die Unterdrückbarkeit des Menschen kenne keine Grenzen. Der Mensch ist ein Gewöhnungstier und nach einem kurzen Schock, scheint er sich an jeden Zustand anpassen und gewöhnen zu können, egal wie erniedrigend und beengend dieser auch sein mag. Eine Weltbevölkerung unter Quarantäne, Regieren per Ausnahmezustand, Verbot jedes sozialen Lebens – und nach einigen Wochen fühlt es sich schon fast normal an. Man gewöhnt sich an die Einschränkungen – an das Home Office ebenso wie an den Verlust der Bewegungsfreiheit. In dieser harten Stunde rücken wir zusammen, zeigen uns einsichtig und zollen der Kanzlerin Respekt, dass sie den Schutz der Gesundheit über den Schutz der Wirtschaft stellt…
Moment mal… waren wir denn vor dieser Krise alle gesund, glücklich und frei?
Die zur Zeit durch Medien und Staat erzeugte Fiktion und Angst, dass uns ein Massensterben droht, wenn wir uns nicht einschränken, blendet aus, dass der globale Kapitalismus tagtäglich Massensterben produziert. Mehr als eine Milliarde Menschen leidet weltweit an Hunger, wovon täglich tausende sterben, während in Deutschland täglich circa ein Drittel der Lebensmittel im Müll landet… Mehr als 700.000 Menschen krepieren jährlich an HIV, obwohl es bereits Gegenmedikamente gibt, die aber wegen der Monopole der Pharmaindustrie nicht bezahlbar verkauft werden… Jeden Tag verrecken Menschen durch in Deutschland produzierte Waffen in Kriegen im Jemen, Mexiko, Afghanistan oder Syrien… und tausende werden von US-amerikanischen Drohnen, die von Deutschland aus gesteuert werden, im Nahen Osten in Stücke zerfetzt… In den letzten fünf Jahren sind mehr als 20.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken, da es keine legalen Fluchtrouten nach Europa gibt… und weltweit sterben jedes Jahr 2,4 Millionen Menschen durch Arbeitsunfälle, ermordet durch das Gewinnstreben der kapitalistischen Ordnung. Und eben diese Ordnung, die täglich all dieses Leid und Elend hervorbringt, soll nun plötzlich unsere Gesundheit schützen? Ich glaube es wäre unser psychischen und physischen Gesundheit am dienlichsten, diese verpestende und krank machende Ordnung zu meucheln!
Regieren durch Angst
Das Erzeugen von Angst ist seit jeher eine der wichtigsten Herrschaftstechniken. Ein Mensch, der sich nicht nur fürchtet, also im Angesicht einer konkreten Gefahrensituation angespannt ist und nach einem Ausweg sucht, sondern in permanenter Ängstlichkeit lebt, ist einfach zu regieren. Wer in ständiger Angst lebt, hat weniger Selbstbewusstsein, isoliert sich mehr, macht sich abhängig und unselbstständig, sucht nach Schutz und starken Führern, hat Angst vor dem Unbekannten und Fremden, versinkt in Lethargie, Depression und Ohnmacht – und hat vor allem Angst zu rebellieren. Zu solch gehorsamen Sklaven werden wir nicht nur erzogen und sozialisiert, so eine Angst wird uns regelrecht antrainiert, indem konkrete Ängste geschürt und dann verallgemeinert werden. Die Angst vor der Zukunft, die Angst vor den Fremden, die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem Virus… Während wir innerhalb des derzeitigen Ausnahmezustandes mehr und mehr voneinander isoliert werden, einsam vor Bildschirmen vergammeln, um unsere Zukunft und Jobs bangen und jegliche Regung und Emotion hinter einer Atemschutzmaske verbergen, füllen sich die Straßen mit starken und uniformierten Beschützern. Die Gesetze und Regelungen ändern sich so schnell, dass man letztendlich mit allem rechnet, schließlich alles toleriert und sich an die Willkür der Staatsmacht gewöhnt. Ob die Uniformierten nun Spaziergänger verscheuchen oder nicht, überall laufen Securities und Bullen herum, ob im Supermarkt, im Park oder an der Grenze… man gewöhnt sich nicht nur an ihre Präsenz, sondern auch daran, dass sie in einen Moment Leute von der Straße verscheuchen und im nächsten die sich nach draußen Wagenden nur mit milden und wachsamen Blicken beehren. Indem wir voneinander isoliert und gleichzeitig überwacht und zur Passivität gedrängt werden, verstärkt der Staat seine soziale Kontrolle und Macht. Egal wie sich die nächsten Monate entwickeln, diese Maßnahmen der Militarisierung werden bleiben und immer alltäglicher werden, denn dem Staat ist immer daran gelegen die Macht seiner Institutionen und repressiven Organe auszuweiten und seine Ordnung zu verewigen.
Vor der Krise, nach der Krise
Seit es den Kapitalismus gibt, bringt dieser immer Krisen hervor. Wenn die Weltwirtschaft nun kollabiert, tut sie dass nicht wegen Corona. Es war klar, dass es irgendwann eine Weltwirtschaftskrise geben wird, diese Krise ist nur der Auslöser, die Schuld trägt das Wirtschaftssystem selbst und nicht der Virus. Denjenigen, die zukünftig ohne Job und Cash dastehen, wird man vorhalten, dass die Ursache dafür in der „Corona-Krise“ liege – obwohl Krisen unvermeidlicher Teil der kapitalistischen Wirtschaft sind. Der Kapitalismus nutzt solcherlei Krisen und Unterbrechungen nicht nur, um die nicht überlebensfähigen Firmen auszusortieren und sich neu zu ordnen, sondern um sich maßgeblich weiterzuentwickeln und dem nächsten Wirtschaftswachstum eine neue Richtung zu geben. Die Themen, die sich gerade am Horizont der jetzigen Krise ankündigen, werden uns noch lange begleiten: Die Abschaffung des Bargeldes und die Einführung digitaler Identitäten. Ein Virus bietet hierfür den idealen Anlass. Doch die westlichen Staaten sind sich der Gefahr sehr bewusst nicht in das Fettnäpfchen der „Überwachungsstaaten“ á la China zu tappen und versuchen ihre Innovationen langsam, selbstkritisch und unter Einbeziehung von Pseudo-Kritik einzuführen. Und natürlich nicht verpflichtend, sondern immer „freiwillig“… und Stück für Stück kann man nur noch bargeldlos bezahlen und an Sachen teilnehmen (Reisen, Nahverkehr, Schulen, Unis, Konzerte, Bibliotheken etc.), wenn man sich „freiwillig“ einen E-Ausweis erstellt bzw. einen elektronischen Immunitätsnachweis oder Impfnachweis etc.
Lassen wir uns nicht von dem orwell‘schen Doppelsprech verwirren, dass uns weis machen will, dass es ein großer Unterschied wäre, ob Bewegungs- und Kontaktdaten nun zentral oder dezentral gespeichert werden – Überwachung ist Überwachung und Kontrolle ist Kontrolle und unvereinbar mit Freiheit.
Gegen die Rückkehr zur Normalität!
Jetzt mal ehrlich: Haben wir nicht alle in den letzten Wochen interessante Momente erlebt? Die Erfahrung, dass etliche Menschen gewillt sind die vom Staat auferlegten Regeln zu brechen, wenn sie für sie keinen Sinn ergeben… die Gewissheit, dass wir für uns selbst entscheiden können, ob und wann wir heraus gehen wollen und welches Verhalten für uns angemessen erscheint… der Wille, selbst Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, auch wenn diese als kriminell Verstöße abgestempelt werden könnten… und dann diese unverhoffte Solidarität, wenn Unbekannte am Isarufer vor herannahenden Bullensschweinen warnen! Und hat nicht auch diese Polarisierung etwas erleichterndes, etwas ehrliches? Jeder hat sich im Angesicht des Ausnahmezustandes und der staatlichen Maßnahmen zu positionieren, niemand kann sich verstecken… man sieht, wie die Leute der Freiheit und den Freiheitsberaubern generell gegenüber stehen, wer für sich selbst entscheiden und denken kann und wer sich als Denunziant erweist… und wer wie ein Lamm nach neuen Hirten sucht und alten Erklärungsmustern im neuen Gewand hinterherläuft.
Während in den Pariser Banlieues Bullen aus den Straßen vertrieben werden und lodernde Barrikaden die Nacht erhellen, schreien Revoltierende im Libanon im Schein brennender Banken und Militärfahrzeuge aus vollem Halse: „Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um uns weiter bestehlen zu können!“ Und in dieser Parole scheint einiges an Wahrheit zu stecken: Auch wenn theoretisch jeder an dem Virus erkranken und sterben kann, sind es diejenigen, die wirklich hart von der Krise betroffen sind, die auch davor für den Kapitalismus nur Auszubeutende und zu Bestrafende gewesen sind – die Armen, die Lohnabhängigen mit beschissenen Jobs, alle, die nicht im reichen Westen sitzen und zur Elite gehören und vor allem alle in Flüchtlingslagern und Knästen Eingeschlossene. Vielleicht wäre es Zeit einzusehen, dass alle Armen und Ausgebeuteten weltweit schon immer diejenigen waren, die am meisten an der todbringenden Pest des Kapitalismus leiden und vom bewaffneten und kriegsbringenden Staat dazu gezwungen werden, weiter zu schuften und ihre Lebenszeit für den Preis des Überlebens aufzuopfern.
Ich denke es ist Zeit, das Leben zu umarmen und den Aufstand gegen die Schlächter und Bluthunde der alltäglichen Ausbeutung zu wagen!
„In diesem Moment schreitet nur die Poesie der Straße voran. Das Minimalprogramm ist ein Akt der Zerstörung: Es ist ein politischer Akt schlechthin. Darin gibt es keine Kontrolle, keine Regeln. Revolution kann nur ein Teil des Alltags sein, wenn wir gegen die Faszination der Macht kämpfen wollen… Der Weg zur Entwurzelung des Faschismus und zum Tod Gottes führt durch CHAOS. “
Lasst uns einander finden! Autonomie und Solidarität!
Was die Queer Uprisings von 1969 mit den George Floyd Protesten von 2020 teilen .
„Stonewall war ein Aufstand.“ In den 51 Jahren, seit der Aufstand im Stonewall Inn in New York City die Bewegung für die Befreiung von LGBTQ + ins öffentliche Bewusstsein katapultierte, ist dieser Satz zu einem Klischee geworden. Ja, es war ein Aufstand – aber was war das für ein Aufstand ? Am Jahrestag der ikonischen queeren Rebellion denken viele von uns darüber nach, wie die heutigen Kämpfe gegen die Polizei und die weiße Vorherrschaft mit früheren Aufständen zusammenhängen. Schauen wir uns die Resonanzen zwischen Stonewall und den Aufständen von Justice for George Floyd an und was diese uns zeigen, wie wir den Widerstand gegen Unterdrückung katalysieren können.
Also , was Art von Aufruhr war Stonewall?
Stonewall war ein gewalttätigerAufstand gegen die Polizei . Es war ein Aufstand, bei dem wütende Queers versuchten, Polizisten zu verletzen und sie in Brand zu setzen, während sie darum kämpften, Territorium auf der Straße zu halten. Es war kein würdiger, militanter, organisierter Ausdruck der „Sprache des Ungehörten“. Es war eine gewalttätige, chaotische Explosion von Wut gegen die Institution, die dafür verantwortlich war, queeren Menschen in der Stadt so viel Grausamkeit und Elend zuzufügen.
In der ersten Nacht der Unruhen wurden nach eigenen Angaben mindestens vier NYPD-Polizisten verletzt . Demonstranten zündeten Feuer in Mülleimern an, malten Graffiti, schleuderten Steine und Flaschen auf die Polizei, warfen Müll auf die Straße und zerstörten eine Parkuhr. An jeden „friedlichen Demonstranten“ heute: Wenn Sie darauf bestehen, dass gewalttätiger Protest immer kontraproduktiv ist, ist die seltsame Geschichte nicht auf Ihrer Seite.
Es war ein führerloser, vielpunktigerAufstand. Es gab keine Forderungen. ” Die Veranstaltungen wurden von keiner Organisation gesponsert. Zeitgenössische Behauptungen, dass Stonewall von schwarzen Transfrauen oder anderen identitätsspezifischen Kategorien „angeführt“ wurde, sind zwar bewundernswert in ihren Bemühungen, Ausschlüsse aus der Geschichte zu beseitigen, aber nicht in der Lage, die flüssige, führerlose Qualität der Unruhen zu erfassen. Während endlose Kontroversen darüber wirbeln, wer den ersten Stein geworfen hat oder die genaue Demografie der Menge, machen die Beweise, die wir aus Fotos und zeitgenössischen Berichten haben, eines klar: Es war ein heftiger Angriff auf die Polizei, der von einer gemischtrassigen Gruppe junger Queers durchgeführt wurde. Meistens von Männern zugewiesen, aber mit unterschiedlichen Geschlechterdarstellungen, ohne die Sanktion oder Anweisung einer Gruppe. Politische Radikale nahmen teil, aber die Mehrheit der Menschen auf den Straßen waren wütende Queers ohne besondere Loyalität gegenüber einer Organisation oder Ideologie.
Selbsternannte „Gemeindevorsteher“ der New York Mattachine Society kritisierten die Unruhen. Sie installierten ein Schild am zerstörten Stonewall Inn, um die Rebellen zum Verhalten zu bewegen:
„Wir Homosexuellen bitten unser Volk, dazu beizutragen, dass auf den Straßen des Dorfes ein friedliches und ruhiges Verhalten herrscht.“
Warum wollte die Mattachine – damals die aktivste Schwulenrechtsgruppe der Stadt – Konflikte mit der Polizei verhindern? Zum Teil wollten sie es, weil sie jahrelang mit der NYPD verhandelt hatten, in der Hoffnung, die Bemühungen der Vize-Truppoffiziere, Männer, die Sex mit anderen Männern suchen, einzuschließen, einzudämmen. Zu ihrer Ehre hatten ihre Bemühungen dazu beigetragen, bestimmte Formen der Belästigung durch die Anti-Queer-Polizei erheblich zu reduzieren. Gleichzeitig hatten sie sich als Vermittler und Vertreter der Schwulengemeinschaft gegenüber der Polizei etabliert – und nun wurde die Macht, die sie aufgebaut hatten, von unregierbaren, empörten Queers bedroht, die sich weigerten zu verhandeln.
Stonewall war ein Jugendaufstand. Die jungen Leute, die sich in und um die Bar versammelten – viele von ihnen waren Hustler oder Sexarbeiter, viele von ihnen obdachlos oder prekär untergebracht -, waren einige der Queers, die von der Polizei am aggressivsten angegriffen und von der von der Mafia getriebenen Barindustrie am stärksten ausgebeutet wurden ältere, wohlhabendere Queers. Die New York Times berichtete in der zweiten Nacht der Unruhen mit der Überschrift „Police Again Rout ‚Village‘ Youths“, und die meisten Beobachter äußerten sich dazu, wie jung die meisten Kombattanten waren. Wie in den heutigen Aufständen waren es junge Menschen, die nichts zu verlieren hatten und die nicht durch das Zögern oder das Gepäck ihrer Ältesten zurückgehalten wurden, die den Kampf vorantrieben.
Stonewall hat Spaß gemacht. Queens tanzte eine Can-Can-Linie vor der Polizei in albernem Zug. Demonstranten rannten herum, flirteten, lagerten, verspotteten Polizisten, sangen und schwelgten im Allgemeinen in dem aufregenden Ambiente des gemeinsamen Widerstands. Die Kultur des spielerischen Trotzes, die junge Straßenkenner über viele Jahre hinweg entwickelt hatten, war ein wesentlicher Bestandteil der Unruhen, die es ihnen ermöglichten, Angst und Gewalt zu überwinden und ihre Wut zum Ausdruck zu bringen.
Es gibt also wichtige Resonanzen zwischen den heutigen Aufständen und der katalytischen Kraft der Stonewall-Unruhen vor einem halben Jahrhundert. Sowohl die schwule Befreiungsbewegung ab 1969 als auch die Black Lives Matter-Bewegungen der letzten Jahre explodierten nach Unruhen gegen die Polizei ins öffentliche Bewusstsein – keine friedlichen Proteste, kein Organisationsaufbau, keine „Herzen und Gedanken gewinnen“, keine „Verbündeten“ mobilisieren . ” Die Merkmale dieser beiden Aufstände und die Umstände, die sie provozierten, bieten heute nützliche Einblicke für soziale Rebellen.
Unruhen können dort funktionieren, wo friedlicher Protest nicht funktioniert.
Das Auffällige sowohl an der Razzia im Stonewall Inn als auch an der Ermordung von George Floyd ist, dass beide Ereignisse völlig normal waren. Überfälle, Belästigungen, Gewalt und Massenverhaftungen von queeren Menschen waren 1969 in den USA an der Tagesordnung. Gewalt gegen Schwarze und Morde an der Polizei sind heutzutage in den USA tragisch gewöhnliche Ereignisse. Diese Explosionen fanden nicht statt, weil die Ungerechtigkeiten, die sie veranlassten, außergewöhnlich waren. Weder die heterosexuelle Gesellschaft im Jahr 1969 noch die weiße Gesellschaft im Jahr 2020 nahmen plötzlich homophobe und rassistische Polizeigewalt zur Kenntnis, weil sich an der Gewalt selbst etwas geändert hatte.
Und keiner dieser Aufstände war das erste Mal, dass Aktivisten gegen die fragliche Ungerechtigkeit protestierten. In New York City hatten Aktivisten jahrelang daran gearbeitet, die Belästigung durch die Polizei bis 1969 einzudämmen. In anderen Städten hatten kleine Proteste gegen die Belästigung der Polizei durch Homosexuelle begonnen. Ebenso sind Proteste gegen rassistische Polizeigewalt in den USA seit vielen Jahren konsequent ausgebrochen .
Was hat sich geändert? Sowohl bei den Stonewall-Unruhen als auch bei den Demonstrationen der Justiz für George Floyd bestand der Unterschied darin, dass die Demonstranten Taktiken anwendeten, die Recht und Ordnung, Seriosität, Gewaltlosigkeit und Erlaubnis der Behörden unterbrachen. Damit verstießen sie gegen die Normen, die sowohl von der Gesellschaft als auch von ihren eigenen Bewegungen festgelegt wurden. Nur durch physischen Kampf gegen die Polizei in New York und in Minneapolis gelang es den Randalierern, diejenigen, die die Macht innehatten, zu zwingen, ihre Beschwerden vorrangig anzugehen. Nur indem sie die Polizei erfolgreich mit Gewalt konfrontierten, inspirierten sie den trotzigen Widerstand, der sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land ausbreitete und den Kontext, in dem die Amerikaner das schwule und schwarze Leben verstanden, dauerhaft veränderte.
Führerlose, gemischtrassige Bewegungen sind mächtig.
Innerhalb einer Woche nach dem Mord an George Floyd hatten in allen 50 Vereinigten Staaten Solidaritätsproteste stattgefunden – und bald darauf in über 50 Ländern weltweit. Dies geschah dank der autonomen Initiative unzähliger gewöhnlicher Menschen, von denen viele nicht mit formellen Organisationen und Aktivistennetzwerken verbunden waren, die Unterstützung für die Rebellen in Minneapolis zeigen und Rassismus und Polizeimacht vor Ort bekämpfen wollten. An vielen Orten fanden am selben Tag mehrere Demonstrationen statt, bei denen die Teilnehmer teilnehmen konnten, wann und wo immer sie konnten, und ihre bevorzugte Taktik, ihr Risikograd und ihre politische Ausrichtung auswählen konnten. Diese Dezentralisierung und das Fehlen einer formellen Führung haben die Beteiligung maximiert und das Risiko einer koordinierten Unterdrückung minimiert, da aus der vielköpfigen Hydra der Bewegung unzählige Formen des Widerstands hervorgegangen sind.
Dies spiegelt die Verbreitung von Kapiteln der Gay Liberation Front wider, die nach den Stonewall-Unruhen in den USA explodierten. In den Jahren 1969 und 1970 entstanden buchstäblich Hunderte von Gruppen, viele an Orten, an denen es noch nie eine schwule Organisation gegeben hatte. Während viele von kurzer Dauer waren, trugen sie dazu bei, eine ganze Generation junger Schwuler und Lesben zu radikalisieren und die Sichtbarkeit der Gemeinschaft und die daraus entstehenden Formen des Aktivismus exponentiell zu erweitern. Während in den 1970er und 1980er Jahren nach und nach nationale Organisationen entstanden, die die Energie der Basis auf Lobbying und zentralisierte politische Kampagnen umlenkten, blieb die LGBTQ + -Bewegung hartnäckig dezentralisiert, mit vielen lokalen Variationen und Möglichkeiten für die Beteiligung der Basis überall.
Innerhalb eines Jahres nach den Unruhen in Stonewall trennten sich viele Teilnehmer der Gay Liberation Front, die von den fest verwurzelten sexistischen, anti-trans * und rassistischen Einstellungen, denen sie in den neuen Gruppen begegneten, frustriert waren, um lesbische Feministinnen, trans * und / oder zu bilden Dritte Welt / Menschen farbspezifischer queerer Organisationen. Im heutigen Zeitalter der intersektionellen Politik erkennen und priorisieren immer mehr Menschen diese Probleme. Insbesondere LGBTQ + -Organisationen heben die schwarzen Kämpfe und die Kämpfe anderer farbiger Menschen hervor und zentrieren sie. Die Black Lives Matter-Bewegung hat aus der Kritik früherer Befreiungskämpfe der Schwarzen gelernt und einen Fokus auf Geschlecht und Sexualität sowie innergemeinschaftliche Unterschiede in ihre Organisation integriert, was die Demonstrationen unkalkulierbar gestärkt hat.
Während viele Beobachter seit Floyds Mord auf den vielpunktigen Charakter der Demonstrationen in den USA hingewiesen haben, bestehen weiterhin erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Dynamik zwischen Teilnehmern zu verstehen ist, die in Bezug auf die Vorherrschaft der Weißen und die Gewalt gegen Schwarze unterschiedlich positioniert sind. Ob als „Verbündete“ oder Komplizen , als Anhänger der schwarzen Führung oder als autonome Rebellen, die ihre eigene Befreiung anstreben, weiße und andere nicht schwarze Demonstranten sollten versuchen, bei der Entwicklung neuer Kampfmodelle dauerhafte Vertrauensbeziehungen zu schwarzen Rebellen aufzubauen.
Junge Leute übernehmen die Führung.
Die Unruhen in Stonewall und Gerechtigkeit für George Floyd wurden durch die weit verbreitete Beteiligung radikaler Jugendlicher ausgelöst, die größtenteils außerhalb der von älteren Aktivisten und Maklern bevorzugten Kanäle agierten. Auch heute sollten wir die Aktivitäten rebellischer junger Menschen in den Mittelpunkt stellen – versuchen, ihre Initiativen zu unterstützen, anstatt zu versuchen, sie zu lenken oder zu kontrollieren. Ältere Generationen mit mehr Protesterfahrung können wertvolle Fähigkeiten und Ressourcen anbieten, von Straßentaktiken und Sicherheitsmaßnahmen bis hin zu Verbindungen für Kaution. Die Reaktionen der „Ältesten der Bewegung“ auf beide Aufstände zeigen jedoch, dass viele von ihnen versuchen werden, die Bewegung zu verlangsamen und auf eine konventionelle Politik umzulenken, die ihre Führung neu zentralisiert – wenn wir es zulassen.
Widerstand muss freudig sein.
Die Floyd-Proteste haben sich in ihrem Charakter und Ton stark verändert, aber wie viele Berichte zeigen , herrscht neben Trauer und Wut eine weit verbreitete Atmosphäre spielerischen, leidenschaftlichen Trotzes. Musik und Tanz haben eine entscheidende Rolle beim Aufbau des Mutes und der Energie der Menschenmenge gespielt, während der scharfkantige Humor der Meme-Kultur kreative Zeichen inspiriert und dazu beigetragen hat, die Botschaften der Bewegung zu verbreiten. Diese Demonstrationen stützen sich auf die entscheidende Rolle von Musik und Kultur in Jahrhunderten schwarzer Freiheitskämpfe und greifen die innovative Mischung aus Kunst und innovativer queerer Ästhetik von ACT-UP und anderen neueren Bewegungen auf. Sie stützen sich auf eine lange Tradition freudigen Widerstands antreiben.
50 Jahre Gedenken an die Stonewall-Unruhen
Es jährt sich zum fünfzigsten Mal der erste Marsch, der an den Widerstand der queeren Randalierer in Stonewall erinnert. New Yorks „Christopher Street Liberation Day March“ – der entpolitisierte Begriff „Pride“, der erst Jahre später aufkam – und seine Kollegen in Los Angeles, Chicago und San Francisco markierten die Entstehung eines Trends, der sich jetzt über die ganze Welt erstreckt. Die Kommerzialisierung von Corporate Pride ™ -Festivals wurde von radikalen Queers auf Schritt und Tritt gründlich kritisiert. Obwohl antikapitalistische Gefühle, obwohl weit verbreitet, an vielen Orten nicht grundlegend für die Gestaltung von Befreiungs- oder Stolzmärschen waren, war der Widerstand gegen die Polizei immer ein wesentlicher Aspekt dieser Geschichte. Während die antikapitalistischen Herausforderungen an den Unternehmensstolz weitergehen, ist der Kampf gegen die Polizei mit den Wurzeln unserer kollektiven Geschichte verflochten.
Seit dem Aufstieg der Black Lives Matter-Bewegung nach dem Ferguson-Aufstand kam es zu Konflikten um die Anwesenheit der Polizei bei Pride-Festivals in Toronto , Columbus und mehreren anderen Städten. Letztes Jahr, zum fünfzigsten Jahrestag der Stonewall-Unruhen, schlossen Demonstranten in San Francisco die Parade aus Protest gegen die Einbeziehung der Polizei , während in New York ein großer unzulässiger queerer Befreiungsmarsch „ Reclaim Pride “ eine radikale Alternative zur NYPD bot -gesättigte Mainstream-Parade.
In diesem Jahr protestieren LGBTQ + -Organisatoren in San Francisco , Miami, Chicago , New York und vielen anderen Städten aus Solidarität mit Black Lives Matter und feiern nicht. Diese Ereignisse unterstreichen die Anti-Polizei-Geschichte des Ereignisses und lehnen Polizeierlaubnisse und jede andere Form der Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden ausdrücklich ab. Als ein weißer Organisator bei Christopher Street West im Rahmen der Planung des Los Angeles Pride eine polizeiliche Erlaubnis für einen „Solidaritätsmarsch“ mit Black Lives Matter beantragte, zwang ein massiver Aufschrei die Organisation, den Antrag abzusagen und sich vollständig von der Organisation zurückzuziehen.
Während Stonewall aufgrund der Pride-Tradition, die es ins Leben gerufen hat, die meiste Presse erhält, bieten andere schwule Unruhen wie die bei Cooper’s Donuts in Los Angeles und Comptons Cafeteria in San Francisco ebenfalls wichtige Lektionen für die heutigen Kämpfe. Der bedeutendste Aufstand in der Geschichte der schwulen Befreiungsbewegung der USA seit Stonewall am 21. Mai 1979, als der Ex-Polizist und Politiker Dan White nur wegen Totschlags wegen Mordes an dem schwulen Aktivisten und Politiker Harvey Milk zusammen mit dem Bürgermeister von San Francisco, George, verurteilt wurde Moscone. Tausende schwule Randalierer kämpften gegen die Polizei, zündeten Streifenwagen an und griffen das Rathaus von San Francisco an. Nach den „White Night Riots“, wie sie bekannt wurden, bewertete ein schwuler anarchistischer Kommentator den Weg nach vorne in krassen Worten:
Ob eine neu geschmiedete Stonewall Nation aus der Asche brennender Polizeiautos aufsteigt oder nicht, hängt von schwulen Menschen ab, nicht von ihren selbsternannten „Führern“. Der „Weiße Montag“ kristallisierte die Situationen heraus: Die Grenze wurde gezogen. Man kann sich auf die Seite der sogenannten „Randalierer“ stellen oder man kann sich auf die Seite der Polizei stellen – aber es gibt keinen Mittelweg. Überall in diesem Land tobt eine Schlacht, und sie tobt seit Jahren: eine grimmige, stille Schlacht, die nur von ihren Opfern weitgehend unerkannt bleibt und nur dann öffentlich gemacht wird, wenn sie wie am 21. Mai ins Freie ausbricht. Auf der einen Seite gibt es den Staat – und auf der anderen Seite die Schwulengemeinschaft.
Es gibt gute Nachrichten! In Stuttgart haben sich Samstag Nacht einige junge Leute ein Beispiel an den weltweiten Revolten genommen und angefangen sich gegen die Polizei zu wehren. Und es sind natürlich gute Nachrichten, auch wenn es mal das ein oder andere Schaufenster von Kleinbürgern erwischt hat.
Nun also auch in Deutschland. In dem Land, wo man fast schon meinte auch diese Sache geht wieder spurlos dran vorbei. Im letzten Monat haben es Menschen in den USA vorgemacht, jetzt traut man es sich sogar im Ländle zu: Polizeiwillkür muss man nicht endlos ertragen. Die USA sind Kulturell immer noch ein Hauptbezugsland für Jugendliche und wenn man sieht, wie dort das Fass zum Überlaufen gebracht wurde, ist es nur logisch, auch hier, wo Polizeiübergriffe und Rassimus realität sind, aktiv zu werden.
Die Neo liberale Linke kommt gar nicht mehr hinterher mit Distanzierungen und kann die Gewalt ja überhaupt nicht verstehen. Ist das euer ernst oder handelt ihr nur aus Opportunismus und Angst davor, dass die Faschos böse zu euch werden? Da werden die wildesten Sachen behauptet. Man würde so den Rechten helfen und der Polizei die Legitimation für noch härtere Maßnahmen geben. Da stellt sich einem schon die Frage wo zur Hölle diese Leute die letzten Jahre über waren. Auf Reisen? Kein Wort mehr über rassistische Polizeigewalt, wo doch noch letzte Woche alle so entrüstet waren wie schlimm die Verhältnisse in den USA sind. Aber dass es hier ähnlich ist, was die Samstagnacht einem ja ins Gesicht schreit, wollen Linksliberale nicht hören. In ihrer Welt gibt es für alles eine ideale Lösung aber bitte Leute benutzt doch keine Gewalt! Das sind Aussagen, die nur von Leuten kommen können, die nie Opfer von Polizeigewalt waren. Und dass Gewalt irgendwann einmal auf Gegenwehr stößt ist ja wirklich kein Geheimnis.
Das muss man sich mal vorstellen: Da geht endlich mal was in Deutschland. Es fangen junge Leute spontan an, sich zu wehren und dann kommen irgendwelche privilegierten „Linken“ daher und erklären ihnen, was richtig und falsch ist. Zum Glück verhält es sich aber so, dass die deutsche Linke in Parteienform eh keinen Bezug und Einfluss auf die jungen Leute hat. Die sind nicht so wie man sie gerne hätte und das ist gut so.
Nebenher läuft weiter die Debatte über den Polizei=Müll Artikel in der taz und die Rechten im Staat sowie außerhalb des Staates stellen natürlich sofort einen Bezug her, als wäre die Taz DAS Medium schlechthin unter migrantischen Jugendlichen. Was sie nicht verstehen können: Es braucht schon lange keine Zeitungsartikel mehr, um die Menschen gegen die Polizei aufzubringen. Das schaffen sie ganz gut alleine durch ihre Gewaltexzesse, durch ihren Rassismus und ihren rechten Terrorismus in den eigenen Reihen. Dazu muss man nicht Taz lesen.
Doch jetzt hat der Müllverein ein mal zu viel rassistisch beleidigt, auf den Boden gedrückt und wie Dreck behandelt. Die Leute lassen sich zunehmend nichts mehr von ihnen gefallen. Ein Beispiel das hoffentlich Schule machen wird. Nächstes Wochenende dann überall bitte.
Menschen, die sich ihrer Situation von Ausbeutung, Entfremdung und Unterdrückung bewusst werden, erkennen, anstatt sich der Ohnmacht hinzugeben, die Notwendigkeit von Solidarität, Selbstbestimmung und Revolte. Die Revolte gegen jede Herrschaft als Befreiung aus dem (kapitalistischen) Elend. Die Konsequenz geht bis zum tiefgehenden Bruch mit der bestehenden Ordnung und ihrer Moral. Und so dringen die Worte und Taten der Liebhaber*innen der Freiheit durch die Geschichte bis in die Gegenwart. Egal, welche verächtenden Bezeichnungen die Feind*innen der Freiheit propagieren: sogenannte Chaot*innen, Rebell*innen, Pöbel, Ketzer*innen,… oder eben Kanaillen!
Basiert die Legalisierung oder Illegalisierung weniger auf einer staatlichen Fürsorge, als auf dem Erhalt und Stärkung ihrer Machtstrukturen?
Nehmen wir einmal an, dem Staat würde es wirklich um die Gesundheit seiner Bürger*innen gehen (abseits einer gesunden Arbeitskraft, die für den Staat wichtig ist). Dann stellt sich die Frage, warum man z.B. legal am Späti hochprozentigen Alkohol kaufen kann, man sich jedoch strafbar macht, wenn man eine Tüte Weed kauft. Also: warum sind manche Drogen illegal?
Der Drogenkonsum benötigt einen Drogenhandel oder beides bedingt sich gegenseitig. Tatsache ist, mit Drogen kann man schnell viel Geld machen. Es ist ein lukratives Geschäft für all jene, die sich was dazu verdienen wollen, keine Arbeitserlaubnis oder keine Chance auf eine dicke Lohnabrechnung haben. Bündelt der Staat nicht all diese Menschen, die an den “Rändern der Gesellschaft leben“ (vor allem sogenannte Migrant*innen, die der Staat nicht integrieren konnte oder wollte) leben in einem parastaatlichen Unternehmer*innentum auf einem Schwarzmarkt?
Berechtigt die Illegalisierung nicht staatliche Organe wie Justiz und Polizei im Namen des „Kampfes gegen Kriminalität“ gegen die gesamte Gesellschaft vorzugehen, sie zu kontrollieren und zu überwachen? Kameraüberwachung, Gefahrengebiete und mobile Polizeiwachen gegen den illegalen Drogenhandel… Maßnahmen, die jede*n betreffen, die sich dort aufhalten oder diese Räume durchqueren.
Sind nicht gerade sogenannte Drogenrazzien viel eher versteckte rassistische Kontrollen? Können rassistisch motivierte Kontrollen, wie sie u.a. täglich am oder im Görli in Berlin stattfinden, von den Bullen einfach als Drogenkontrollen kaschiert werden, wo der kontrollierte Mensch dann nach Papieren gefragt wird?
Füllt die Illegalisierung von Drogen nicht maßgeblich die Knäste des Staates? Und hält somit die Knastmaschinerie am Laufen, weil der Staat selbst Kriminelle produziert? Im Endeffekt ist das Gefängnis eine elementare Struktur der Herrschaft – zum Strafen, für Repression und zur präventiven Drohung zur Unterwerfung von jeder und jedem.
Auch wenn Drogen für manche Menschen das tägliche Elend vermeintlich ertragbarer machen, finden sich nicht gerade viele Drogenabhängige in einem Armutskreislauf wieder? Der Schwarzmarkt drängt die Preise in die Höhe und verstärkt ein Abhängigkeitsverhältnis.
Stärkt ein Schwarzmarkt nicht viel eher die Logik und Grundstruktur des Kapitalismus, wie das Eigentum und die Macht des Geldes? Die sogenannten Verlierer*innen der bestehenden Verhältnisse stellen das System nicht in Frage, sondern fördern einen illegalen Markt, welcher auf den gleichen herrschenden Strukturen und einer kapitalistischen Logik aufbaut.
Spielen Drogen und der Handel damit im sozialen Krieg nicht eine starke Rolle für Staat und Kapital? Marginalisierte und arme Menschen bestehlen sich oft untereinander, betrügen und töten sich gegenseitig. Die Illegalisierung fördert einen sozialen Kannibalismus.
Zerstören Drogen nicht viel einfacher für Staat und Kapital subversive Elemente wie soziale Strukturen, solidarische Nachbarschaften und Communities? Bekannte Beispiele sind die USA, wo in den 1960er/80er die Ghettos mit Drogen überschwemmt wurden, um die revolutionäre Kraft dieser Viertel zu brechen. Oder auch in Chile in den 1990ern, wo ein billiges Abfallprodukt von Kokain die solidarischen Nachbarschaften zerstörte. Heute lässt sich ein ähnliches Vorgehen im rebellischen Viertel Exarchia in Athen beobachten.
Herrschaftsfreie Institutionen. Texte zur Stabilisierung egalitärer Gesellschaften
by :Rüdiger Haude und Thomas Wagner –Publisher: Graswurzelrevolution
Das Buch verdient Vorschusslorbeeren, weil es bereits in der zweiten Auflage erscheint (erste Auflage 1999), weil es schon damals sehr positiv rezensiert wurde jüngst hat die „Bibliothek der Freien“ aus Berlin es mit dem Titel „Buch des Jahres 2019“ ausgezeichnet.
Haude und Wagner kritisieren zu Recht die in den Sozialwissenschaften vielerorts propagierte „Herrschafts-Ontologisierung“, also die Unterstellung, Herrschaft sei etwas Universelles, Unvermeidbares, Unhintergehbares, Selbstverständliches oder Alternativloses. Dahinter steckt das soziale und gesellschaftliche Problem, wie man herrschaftsfreie Gesellschaft stabilisieren kann. Herrschaftsfreiheit soll ja nicht nur ein revolutionäres Strohfeuer bleiben, sondern sie soll in Institutionen überführt werden, die ihre herrschaftsfreie Herkunft nicht irgendwann im Prozess der Institutionalisierung verraten und wieder rückgängig machen. Sozialwissenschaftliche Forschung sollte also nicht voreilig unterstellen, dass Herrschaftsfreiheit nicht möglich sei, sondern daran mitarbeiten, wie sie hergestellt und nachhaltig etabliert werden kann. Zu diesem Programm tragen Haude und Wagner mit großer Expertise bei, nicht nur mit diesem Buch, sondern mit vielen weiteren Publikationen, die im Literaturverzeichnis dokumentiert sind. Sie gehen nicht mit einem westlich verengten Blick auf die Moderne vor, wonach die moderne Gesellschaft einseitig als evolutionäre Errungenschaft und Verbesserung menschlichen Zusammenlebens bewertet wird. In einer solchen Sichtweise können frühere Gesellschaftsformen, die zum Teil bis in die frühe Menschheitsgeschichte zurückreichen, nur als (im Vergleich zu heute) rückschrittige und defizitäre Gemeinschaften angesehen werden. Wenn man aber sozial- und kulturanthropologisch vorgeht und die uns bekannten Gesellschaften vorbehaltlos mit (ganz) anderen Völkern vergleicht, öffnet sich der Blick für neue, ungewöhnliche Einsichten. Auf diese Weise können bisherige (vermeintliche) Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden, wie zum Beispiel, dass Herrschaft und Staat alternativlose Entwicklungen moderner Gesellschaften seien.
Zunächst kritisieren Haude und Wagner den Forschungsstand zu segmentären (missverständlicherweise oft auch primitiv genannte) Gesellschaften. Ausgangspunkt der Argumentation ist meist, dass Herrschaft mit Institutionen quasi gleichgesetzt wird. Wenn in solchen frühen Gesellschaften dann keine Herrschaftsstrukturen nachgewiesen werden können, spricht die Forschung ihnen einfach die Fähigkeit ab, Institutionen einzurichten. Herrschaftsfreiheit hat aber überhaupt nichts mit Institutionenlosigkeit zu tun. Im Gegenteil existieren in diesen frühen Gesellschaften meist ausgeklügelte Institutionen, um eben die Verführung zu herrschaftlichen Strukturen zu verhindern. Das heißt oft sogar, dass Zwang ausgeübt wird. Dieser Zwang geht aber gerade nicht vom Herrschenden aus, sondern dient dazu, die zentrale Herrschaft zu vermeiden. Stattdessen soll mit vergleichsweise sanften Zwangsmaßnahmen die Gleichheit der Gesellschaftsmitglieder hergestellt werden. Diese sind jedoch nicht gegen die Freiheit gerichtet, sondern bilden umgekehrt die Grundlage für eine Freiheit Aller. Vielmehr sind die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten heutiger Gesellschaften eher ein Indiz dafür, dass Freiheit sehr ungleich verteilt ist und die Herrschenden und Privilegierten viel mehr davon haben als alle anderen. Im Prinzip ist ein Großteil der Forschung vom Blick aus der Perspektive des modernen Staats vernebelt und misst alle anderen Formen von Gesellschaften daran, ganz so, als ob die moderne Form staatlicher Herrschaft ein evolutionäres (wünschbares) Ziel sei. Hier tut also Dekolonialisierung not, um das Potenzial egalitärer Institutionen angemessen je nach historischen Umständen einschätzen und bewerten zu können. Die Stärke der Argumentation besteht darin, genau zu unterscheiden zwischen Herrschaft, Macht, Zwang, Institutionen und nicht alles in einen Topf zu werfen und in einen scheinbar notwendigen Zusammenhang zu stellen.
Ähnlich wie Karl Marx seine Theorie nicht als Utopie oder gar als Ideologie verstanden wissen wollte, argumentieren auch die beiden Autoren, dass die anarchistische Utopie durchaus wissenschaftliche Grundlagen hat. Nur seien diese in der modernen Sozial- und Kulturwissenschaft aus ideologischen Gründen verschüttet worden. Das Buch leistet somit einen Beitrag zur Rehabilitierung anarchistischer Vorstellungen: Es zeigt, wie Gemeinschaft und Vergemeinschaftung ohne Herrschaft, aber selbstverständlich mit Strukturen und Normen, mit Institutionen eben, möglich und vor allem real vorfindlich sind. Die Betonung der Wissenschaftlichkeit der vorgelegten Argumentation wird auch deutlich, wenn in einem Kapitel an die Chaostheorie angeschlossen wird, die mit sogenannten Fraktalen arbeitet. Chaos wird hier nicht als negative Bezeichnung von Anarchie verstanden, sondern positiv oder neutral als wissenschaftliche Denkrichtung. Eine genauere Auseinandersetzung über die Brauchbarkeit und Anwendbarkeit dieser Theorie würde hier zu weit führen. Empfehlenswert für eine weitere Beschäftigung damit ist das Buch „Komplexität: ‚Chaostheorie‘ und die Linke“ von Gernot Ernst (2009, erschienen im Schmetterling Verlag).
Das Buch „Herrschaftsfreie Institutionen“ ist und entwickelt keine zusammenhängende Theorie, sondern versammelt sieben Aufsätze der beiden Autoren. Diese Stückwerkstheorie ist aber kein Manko, sondern Programm, das zahlreiche Überraschungen parat hält: Wer kommt schon von selbst auf die Idee, dass Architektur oder Glücksspiel anarchistisch sein können? Oder was macht die altisraelische Gesellschaft zur Richterzeit, wie sie im Alten Testament der Bibel beschrieben ist, herrschaftslos und egalitär? Tatsächlich macht es einen Unterschied, ob Architektur so verstanden wird, dass sie egalitäres Zusammenleben ermöglicht, oder ob Hierarchien bereits durch die Bauweise von Häusern entstehen. Auch hier ist es wieder sinnvoll und hilfreich, auf egalitäre Gesellschaften zu schauen, wie diese gebaut haben. Das Kapitel gibt hierfür sehr anschauliche Beschreibungen. Dass Spiele kapitalistischen Wettbewerbscharakter haben, ist bekannt, aber es gibt heute zahlreiche kooperative Spiele, und der Rückblick auf frühere Gesellschaften zeigt, dass dies schon lange vor unserer Zeit gängige Praxis war. Aber wie kommen die Autoren ausgerechnet auf die Idee, dass Glücksspiele und Casinos typisch für herrschaftsfreie Gesellschaften sind? Gerade solche unerwarteten, dann aber sehr schön aufgelösten Rätsel machen eine Stärke des Buchs aus. Glücksspiele haben mehr mit Zufall als mit dem Können oder der Raffinesse der Spieler*innen zu tun, sodass es nahe liegt, dass die Gewinne nicht an die zufällig gewinnenden Personen ausgezahlt werden, sondern an die Gemeinschaft zurückgeführt werden, dass also der Spaß am Spielen selbst die Belohnung ist.
Es ist schade, dass Haude und Wagner ans Ende ihres Buches keinen Ausblick auf die Gegenwart vorgenommen haben. Es muss ja nicht gleich ein Katalog von Kriterien sein, nach denen in der heutigen Gesellschaft Herrschaft abgebaut und Gleichheit (in Freiheit) hergestellt werden kann. Dennoch wäre es interessant zu wissen, wie segmentäre Elemente in der heutigen Gesellschaft genutzt werden können, um Herrschaft und Staatlichkeit zurückzudrängen. Es wird in dem Buch deutlich, dass segmentäre oder fraktale Gesellschaften nicht von vornherein positiv zu sehen sind: Wer denkt heutzutage bei Clans nicht auch an mafiöse kriminelle Vereinigungen? Und die Rolle der Frauen war in frühen Gesellschaften sicher meist alles andere als egalitär, geschweige denn emanzipiert. Der Abbau von Herrschaft und Hierarchie läuft aber meist über Dezentralisierung und Föderation; und das sind typische Kennzeichen von segmentärer Unterteilung.
Das Buch ist sprachlich nicht einfach zu lesen und wissenschaftlich geschrieben. Das muss nicht grundsätzlich problematisch sein, denn die Sprache ist eindeutig und präzis. Sie ist dem wissenschaftlichen Anliegen, sich Gehör in den Sozialwissenschaften zu schaffen, angemessen. Für nicht-akademische oder nicht wissenschaftlich geschulte Leser*innen ist die Sprache jedoch ein Hindernis. Vielleicht ist es deshalb hilfreich zu erwähnen, welche Aufsätze des Buchs eher anwendungsorientiert und konkret beschreibend sind (4 bis 7) im Vergleich zu den abstrakten, theoretischen Kapiteln (1 bis 3). Egal, welche Teile man lieber liest, die Argumentation ist gleichbleibend originell, klug und plausibel.
Die beiden Autoren haben mit der zweiten Auflage die Fehler der ersten Auflage korrigiert, haben auch Kritik verarbeitet (etwa die Sprachkritik von Bernd Drücke in seiner Rezension zur ersten Auflage 1999), haben aber dennoch die Gelegenheit nicht genutzt, den Band grundlegend zu überarbeiten oder zumindest um ein Kapitel zu ergänzen, in dem der neueste Forschungsstand berücksichtigt worden wäre. In ihrem Vorwort zur zweiten Auflage begründen Haude und Wagner diesen inhaltlichen Verzicht sowie die nicht-vorgenommene sprachliche Feminisierung. Beides zusammen hätte in der Tat einige zusätzliche Arbeit gekostet, wäre aber die Mühe wert gewesen . Ein Versäumnis. Hauptsache aber ist, dass das Buch jetzt wieder verfügbar ist, an Aktualität und Qualität hat es keineswegs eingebüßt.